Corona, Ukrai­ne­krieg, geopo­li­tische Verwer­fungen im Nahen Osten und die damit verbundene Energie­krise. Das sind vier massive Einschnitte in weniger als sechs Jahren. Jeder dieser Schocks hatte unmit­telbare Auswir­kungen auf Unter­nehmen, Märkte und bisherige Planungs­lo­giken. Doch die eigent­liche Verän­derung liegt nicht in der einzelnen Krise, sondern in der Geschwin­digkeit, mit der die nächste kommt. Wie aus der Heraus­for­derung für Führungs­kräfte wie für Berater gleicher­maßen eine Chance wird, lässt sich mit der richtigen Inves­tition in die Kompe­tenz­träger Ihres Hauses trainieren. Denn eine konse­quente Perso­nal­ent­wicklung ist der Grund­stein dafür, Kredit­ri­siken abseits der nackten Zahlen auch richtig bewerten zu können und in volatilen Märkten manövrier­fähig zu bleiben.

Maximale Infor­ma­ti­ons­dichte auf dem Tisch

Ihre Jahres­ge­spräche finden genau in dieser Ausnah­me­phase statt. Die Unter­lagen trudeln auf den Schreib­ti­schen ein, und das oft etwas später als gewünscht, weil auch die Steuer­be­rater flächen­de­ckend am Limit arbeiten. Die endgül­tigen Zahlen aus 2024, die BWA per Dezember 2025, die bereits aktua­li­sierte BWA für das Frühjahr 2026, dazu fortge­schriebene Planzahlen und der überar­beitete Lagebericht. 

Fakt ist: Wer diese Unter­lagen zusam­menhat, hat den umfas­sendsten Einblick in ein Unter­nehmen, den er im ganzen Jahr bekommt. Rückblick, Gegenwart und Ausblick sind zusammen auf dem Tisch. Das ist kein routi­ne­mä­ßiger Gesprächs­anlass, sondern eine Ausnah­me­si­tuation an Infor­ma­ti­ons­dichte. In diesen wenigen Wochen entscheiden Ihre Jahres­ge­spräche maßgeblich darüber, wie belastbar Ihre Kredit­ent­schei­dungen in den nächsten 12 bis 24 Monaten wirklich sind. 

Die Grenzen des Rückspiegels

Ihr Zahlenwerk ist aber rückwärts­ge­richtet. Ihre Kredit­ent­scheidung blickt hingegen konse­quent nach vorn. Wer die Zukunfts­fä­higkeit eines Unter­nehmens nur anhand der BWA bewertet, steuert einen Bus und schaut dabei ausschließlich in den Rückspiegel. Das geht exakt so lange gut, bis die Straße eine unerwartete Kurve macht. 

Jede Prolon­gation oder Neukre­dit­vergabe setzt tiefes Vertrauen in die Umset­zungs­kraft des Manage­ments voraus. Doch genau dort wird das Zahlenwerk dünn. Ein Jahres­ab­schluss 2024 verrät wenig darüber, wie ein Unter­nehmen reagiert, wenn der Markt 2026 erneut dreht. Auch Planzahlen belegen nicht, ob die Führungs­mann­schaft sie überhaupt reali­sieren kann. 

Die unsichtbare zweite Bilanz

Die entschei­dende Frage ist, wie gut das Unter­nehmen gerade geführt wird. Das steht in keiner BWA. Während der Steuer­be­rater die finan­zielle Bilanz testiert, ist es die Aufgabe des Firmen­kun­den­be­raters, im Gespräch die unsichtbare zweite Bilanz zu auditieren: die Qualität des Manage­ments. Sie lässt sich präzise beant­worten, wenn man im Gespräch weiß, wo man hinschauen muss. 

Das Paradox der Krisen­zeiten und das Führungs-Eigenkapital

Die Unter­lagen auf Ihrem Tisch zeigen oft dasselbe branchen­über­grei­fende Muster. In unsicheren Zeiten schlägt der kurzfristige Reflex die langfristige Entwicklung. Unter der Devise „Liqui­dität vor Entwicklung“ wird ausge­rechnet die Perso­nal­wei­ter­bildung und Führungs­ent­wicklung als Erstes gestrichen. Das passiert auch deshalb, weil sie im Rating kaum sichtbar wird. Was dabei schnell übersehen wird, ist, dass es faktisch das „Führungs-Eigen­ka­pital“ des Unter­nehmens senkt, wenn an dieser Stelle gespart wird.

Der kritischste Frühindikator

Das birgt enorme Gefahren. Denn genau in Phasen extremer Unsicherheit explo­dieren die Anfor­de­rungen an eine orien­tie­rungs­ge­bende Führung. Vier Krisen in sechs Jahren können heute nicht mehr als Ausnah­me­zu­stand abgetan werden, sondern sind das neue Umfeld, in dem Führung funktio­nieren muss. Instabile Führung ist der kritischste Frühin­di­kator für operative Risiken, die das Zahlenwerk erst mit massiver Verzö­gerung offen­baren wird. 

Blindflug in der Risikoprüfung

Viele Häuser haben die Manage­ment­qua­lität fest im Rating verankert. Für die Markt­folge Risiko bedeutet das in der Praxis: Liefert das Jahres­ge­spräch kein struk­tu­riertes Bild zur Führungs­si­tuation, wird der Manage­ment­faktor schlicht mit vorhan­denen Zahlen und Bauch­gefühl gefüllt. Das ist keine Kritik an der Markt­folge an sich, sondern die logische Konse­quenz fehlender Eingangs­in­for­ma­tionen aus dem Vertrieb. 

Anspruchs­volle Dialoge auf Augenhöhe

Gleich­zeitig sinkt das Durch­schnitts­alter der Firmen­kun­den­be­rater spürbar. Auch im gehobenen Segment sitzen heute Berater im Alter unter 30 Jahren mit wenigen Berufs­jahren. Das ist Realität und oft gewollt. Doch es erzeugt eine kommu­ni­kative Hürde.

Ein 28-jähriger Berater muss einem krisen­er­probten 58-jährigen Unter­nehmer kritische Führungs­fragen auf Augenhöhe stellen können. Es geht darum, belastbare Antworten einzu­fordern, statt sich mit höflicher Zustimmung abspeisen zu lassen. 

Diese Kompetenz entsteht aber nicht durch Zufall, sie muss struk­tu­riert entwi­ckelt werden. Die Kernfrage für Vorstände lautet deshalb nicht nur: „Stellen unsere Berater die richtigen Fragen?“ Fragen Sie sich: Bereiten wir unsere Berater aktiv darauf vor, diese anspruchs­vollen Gespräche wirklich führen zu können? Dabei geht es ja nicht nur um die eigent­liche Inter­aktion, sondern vielmehr darum, dass auch die richtigen Infor­ma­tionen eingeholt werden und noch wichtiger: anschließend auch richtig bewertet und ins große Ganze einge­ordnet werden können.

Vom reinen Finanzier zum strate­gi­schen Gesprächspartner

Sowohl bei Kunden als auch in der eigenen Bank gilt oft: Was nicht im Reporting steht, wird gekürzt. Wirkung verliert gegen Kosten. Weiter­bil­dungs­budgets existieren zwar, verfallen aber ungenutzt im Tages­ge­schäft. Wer diese Dynamik aus dem eigenen Erleben kennt, kann sie im Kunden­ge­spräch glaub­würdig ansprechen. Ein Satz bringt das Risiko perfekt auf den Punkt:

Stellen Sie sich vor, Sie inves­tieren nicht in die Leute und sie bleiben.“ 

Die neue Qualität der Kunden­be­ziehung: Leitfragen für Vertrieb und Marktfolge

Der Hebel für eine fundierte Risiko­be­ur­teilung liegt gar nicht so sehr im Produkt, sondern vielmehr im Gespräch zwischen den Zeilen. Fragen Sie als Firmen­kun­den­be­rater konkret: 

  • Wie haben Sie in den letzten zwölf Monaten in Ihre Führungs­mann­schaft inves­tiert und was hat das konkret verändert?“
  • Was tun Sie aktiv, um Ihre Schlüs­sel­leute in der aktuellen Phase zu halten?“ 
  • Ergänzen Sie mit Blick in die Zukunft: „Und wenn der Markt in vier bis sechs Monaten wieder anzieht – sind Ihre Leute dann in der Lage, das auch wirklich zu nutzen?“ 

Für die Markt­folge Risiko lautet die Leitfrage bei der Vor- oder Nachbe­ar­beitung der Kredit­ent­scheidung hingegen ganz anders: 

  • Was ist aus dem letzten Jahres­ge­spräch über die Führungs­si­tuation dieses Unter­nehmens verlässlich bekannt?
  • Reicht das aus, um die Manage­ment­be­ur­teilung im Rating wirklich fundiert zu tragen?“ 

Fazit: Holen Sie sich Antworten, die kein Zahlenwerk ersetzen kann!

In einem Markt­umfeld, das durch weitgehend austauschbare Finanz­pro­dukte geprägt ist, wird diese strate­gische Tiefe im Jahres­ge­spräch zum stärksten Diffe­ren­zie­rungs­merkmal Ihres Hauses. Ein Unter­nehmer wechselt seine Bankver­bindung vielleicht für einen margi­nalen Zinsvorteil bei der nächsten Kredit­linie. Aber er verlässt niemals einen Berater, der ein aufrich­tiges Interesse an seinem Lebenswerk zeigt und in stürmi­schen Zeiten als echter Sparrings­partner agiert. 

Indem Sie den Fokus vom reinen Zahlen­prüfer hin zum strate­gi­schen Begleiter verschieben, schaffen Sie eine Bindung, die über rein rationale Kondi­ti­ons­ver­gleiche weit hinausgeht. Nur durch konti­nu­ier­liche Fort- und Weiter­bildung entwi­ckeln Berater die nötige Souve­rä­nität, diesen Anspruch dauerhaft einzu­lösen. Am Ende ist es genau diese Qualität der Beziehung, die den Ausschlag gibt, wenn die See unruhiger wird. 

Und als zusätz­lichen Effekt können Sie das Zahlenwerk mit Infor­ma­tionen gegen­checken, die Sie aus dem indivi­du­ellen Austausch mitnehmen, und dann bewerten, ob objektive Daten und subjek­tiver Eindruck zusam­men­passen. Sie schlagen also zwei Fliegen mit einer Klappe oder schöner in Management-Ausdrucks­weise: Sie heben Synergieeffekte.

Die Infor­ma­ti­onslage ist vollständig – entscheidend ist, was Sie daraus machen.

Kontakt

Dirk Wiebusch
info@ifuf.de

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