Zwei erfahrene, verant­wor­tungs­be­wusste Menschen sitzen sich an einem Konfe­renz­tisch gegenüber. Auf der einen Seite der Unter­nehmer, der Zahlen mitge­bracht, Szenarien durch­ge­spielt und sich intensiv vorbe­reitet hat. Auf der anderen Seite der Bankbe­rater, der klare Kriterien, struk­tu­rierte Prozesse und regula­to­rische Kapital­an­for­de­rungen im Blick hat.

Eigentlich sind die Voraus­set­zungen ideal. Trotzdem läuft das Gespräch in eine völlig falsche Richtung und auf beiden Seiten bleibt Frustration zurück. Der Unter­nehmer nimmt das unbefrie­di­gende Gefühl mit, nicht verstanden worden zu sein. Der Banker hingegen behält den Eindruck, dass sein Gegenüber unnötig Druck aufbaut, ohne die dafür nötige Substanz zu liefern. Ich nehme Sie heute mit in die innere Mechanik dieser beiden Welten und zeige, wie aus diesen syste­ma­ti­schen Reibungs­ver­lusten wieder ein konstruk­tiver, partner­schaft­licher Dialog entsteht. 

Clash zweier Risiko­kul­turen: Oppor­tu­nität trifft auf Stabilität

Was in solchen Momenten aufein­an­der­prallt, ist ein klassi­sches Kommu­ni­ka­ti­ons­problem, das sich aber nicht einfach durch besseres Zuhören lösen lässt. Es ist nämlich zusätzlich ein weitaus tiefer­lie­gendes System­problem. In diesen Terminen treffen zwei in sich vollständig konsis­tente Logiken und Risiko­kul­turen aufein­ander, die sich ohne eine profes­sio­nelle, beidseitige Übersetzung immer wieder vorher­sehbar missver­stehen. Um diesen Konflikt aufzu­lösen, lohnt sich ein Blick durch die Brille beider Parteien.

Perspektive 1: Verpasste Chancen als größtes Unternehmer-Risiko

Für den Unter­nehmer ist Unsicherheit kein Ausnah­me­zu­stand, sondern das normale Umfeld, in dem er tagtäglich arbeitet und seine Entschei­dungen trifft. Er wartet nicht ab, bis Sicherheit von außen vorge­geben wird, sondern produ­ziert sie selbst durch Vorleistung. Dabei inves­tiert er Zeit, Kapital und nicht selten sein privates Vermögen in Ideen, die der Markt noch gar nicht final bestätigt hat. 

Hinzu kommt eine oft unsichtbare Dimension: die Einsamkeit strate­gi­scher Entschei­dungen. Während Mitar­beiter oder Berater eigene Inter­essen verfolgen und immer ihre indivi­du­ellen Fallnetze haben, trägt der Unter­nehmer die Konse­quenzen seines Handelns am Ende doch immer allein. Aus dieser Lebens­rea­lität heraus definiert er Risiko grund­legend anders als ein Finanzinstitut. 

Das größte Risiko ist für ihn nicht die Fehlent­scheidung, sondern die verpasste Chance. Ein sich öffnendes Markt­fenster ungenutzt verstreichen zu lassen, wird als weitaus teurer empfunden als ein Investment, das eventuell eine Nachkor­rektur erfordert. Zeit ist für ihn folglich kein weicher Faktor, sondern eine harte Währung im Wettbewerb. Kontrolle bedeutet deshalb in seiner Welt Handlungs­freiheit, Geschwin­digkeit und die Fähigkeit, in Echtzeit Kurskor­rek­turen vorzunehmen. 

Perspektive 2: Stabi­lität als oberstes Gebot für die Bank

Die Bank operiert auf der anderen Seite des Tisches in einem System, das sich seit 2008 grund­legend verändert hat. Wo früher im Firmen­kun­den­ge­schäft noch die persön­liche Einschätzung und die Intuition des Entscheiders ausreichten, prägen heute Regulierung, Kapital­un­ter­legung und standar­di­sierte Prozesse das Geschehen. Banken sind als Stabi­li­sa­toren im wirtschaft­lichen Kreislauf konzipiert. 

Daher gilt die klare Priori­tä­ten­ordnung: Stabi­lität steht vor Rendite, Prozess­si­cherheit vor Risiko­be­reit­schaft. Für das Institut ist ein negatives Prüfungs­er­gebnis intern mit einem deutlich höheren Schaden verbunden als ein entgan­genes Geschäft. 

Wenn Kontrolle für den Unter­nehmer also Geschwin­digkeit bedeutet, heißt Kontrolle für die Bank Dokumen­tation, Vier-Augen-Prinzip und absolute Nachvoll­zieh­barkeit. Beide Haltungen sind aus ihrem jewei­ligen System heraus vollkommen nachvoll­ziehbar und rational. Sie sind schlichtweg zwingend. 

Was gesagt wird und was ankommt

Genau in dieser Kluft entstehen die typischen Reibungen, die sich bereits in der alltäg­lichen Sprache zeigen. Drei konkrete Klassiker aus der Praxis verdeut­lichen, wie die jeweilige System­logik zu Missver­ständ­nissen führt.

  1. Kündigt die Bank an: „Wir werden das erst prüfen“, steht dahinter der Wunsch nach einer regula­to­risch sauberen und prüfungs­festen Absicherung. Es handelt sich um gelebte System­logik, nicht um Zweifel am Gegenüber. Auf der anderen Seite des Schreib­tischs löst dieser Satz jedoch oft Abwehr aus: „Ihr glaubt mir nicht“, lautet die unbewusste Übersetzung des Unter­nehmers, der seine Kompetenz infrage gestellt sieht. 
  2. Drängt der Unter­nehmer im Gegenzug darauf, dass eine Entscheidung jetzt sofort fallen darf, sieht er das eng begrenzte Markt­fenster und den schwin­denden Wettbe­werbs­vor­sprung. Bei der Bank kommt dieser Appell jedoch selten als strate­gische Notwen­digkeit an. Dort wirken die Worte eher wie ein Signal für unüber­legten, riskanten Zeitdruck. 
  3. Ein weiteres Muster zeigt sich beim Thema Kredit­linie, wenn die Bank erklärt: „Das Limit ist ausge­schöpft.“ Für das Institut ist dies die rein sachliche Feststellung einer vorde­fi­nierten Risiko­grenze, also eine klare System­grenze und nicht zwingend eine Entscheidung gegen den Kunden. Der Unter­nehmer hört darin jedoch oft ein Signal des Rückzugs und deutet die Aussage so, als wolle die Bank den gemein­samen Weg nicht weiter begleiten. 

Die Kunst der Übersetzung

Das eigent­liche Hindernis im Firmen­kun­den­ge­schäft ist demnach oft gar nicht die fehlende Bonität, das falsche Produkt oder ein unpas­sender Zinssatz, sondern schlicht die Fehlin­ter­pre­tation. Meist fehlt es in solchen Momenten gar nicht am guten Willen, es mangelt lediglich an der passenden Übersetzung. Wer diese beiden System­lo­giken verin­ner­licht, verändert weit mehr als nur die reine Gesprächs­führung. Er erkennt, was sein Gegenüber wirklich meint, und übersetzt die Signale verständlich, noch bevor eine Diskussion kippen kann. Ein tiefes, partner­schaft­liches Verständnis für die jeweils andere Risiko­kultur deeska­liert die Situation am Konfe­renz­tisch. Es ebnet den Weg für fundiertere Entschei­dungen und eine dauerhaft tragfähige Zusam­men­arbeit, an der beide Seiten ein großes Interesse haben. 

Fazit: Perspek­tiv­wechsel erleichtert Überzeugungsarbeit

Wenn Bank und Unter­nehmer an einem Tisch sitzen, geht es in der Regel nicht um persön­liche Befind­lich­keiten. Beide Seiten denken in für sie völlig ratio­nalen Systemen, die sich eigentlich von selbst ergeben. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Verstehen der Logiken des Gegen­übers und deren Übersetzung. Wer verin­ner­licht, dass für den Unter­nehmer das Tempo die wichtigste Währung ist und für die Bank die Stabi­lität an erster Stelle steht, führt völlig andere Gespräche. Mit diesem beidsei­tigen Verständnis lassen sich emotionale Hürden und klassische Fehlin­ter­pre­ta­tionen frühzeitig ausräumen. Das Ergebnis sind meist deutlich entspanntere Verhand­lungen bei gleich­zeitig fundier­teren Entschei­dungen. So entsteht eine starke, verläss­liche Partner­schaft auf Augenhöhe.

Kontakt

Dirk Wiebusch
info@ifuf.de

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