Als ich vor knapp 30 Jahren selbst noch als Bankbe­rater tätig war, fragte mich mal ein Unter­neh­mer­kunde aus dem Maschi­nenbau: „Wenn ich 50 Daimler-Aktien kaufe, dann zahle ich einen bestimmten Preis für die Trans­aktion. Wenn ich 500 Daimler-Aktien kaufe, zahle ich das Zehnfache. Was genau machen Sie bei 500 Aktien denn anders? Sie tragen doch eigentlich nur eine Null mehr ein, oder?“

Aus Sicht des Unter­nehmers war das ein völlig logisches Argument. Seine eigenen Kunden erhalten auf hohe Stück­zahlen eher noch Rabatte. Denn hohe Stück­zahlen bedeuten Planungs­si­cherheit im Einkauf, bei der Fertigung und bei der Auslastung der Beleg­schaft. Doch als Finanz­be­rater musste ich mich damals der zentralen Frage stellen, für was die Kunden denn tatsächlich bei der Beratung bezahlen und warum diese Kosten linear mit dem Volumen ansteigen.

Es war einmal: die Informationsasymmetrie

Damals war die Antwort auf diese Frage noch klar. Die Kunden zahlten für privi­le­gierte Infor­ma­tionen und exklu­siven Zugang zu den Märkten. Denn damals brauchte man noch dringend Banken, um überhaupt auf dem Aktien­markt handeln zu können. Wie hätte man sonst an die Aktien­kurse heran­kommen sollen? Und wie hätte man alle nötigen Infor­ma­tionen sammeln, zusam­men­fassen und analy­sieren können, wenn man als Unter­nehmer ohnehin schon fast 24 Stunden am Tag mit dem eigenen Unter­nehmen beschäftigt ist?

Diese Infor­ma­ti­ons­asym­metrie zwischen Berater und Unter­nehmer war über Jahrzehnte Grundlage der Preis­po­litik der Finanz­in­stitute. Und sie war auch damals eine akzep­table Antwort für den Unter­neh­mer­kunden, der mich nach unserem Preis­modell gefragt hatte. Auch wenn er mich damals durchaus noch hätte fragen können, warum denn der Preis linear mit dem Volumen ansteigen müsse, wenn er schon steigt. Das Anlage­risiko blieb doch in jedem Fall beim Kunden. Das tat er jedoch nicht. Vermutlich, weil ihm bewusst war, dass er nun mal auf den privi­le­gierten Markt­zugang über die Banken angewiesen war.

Das Internet bringt die Verarbeitungsasymmetrie

Mit der Demokra­ti­sierung von Infor­ma­tionen über das Internet wurde diese Infor­ma­ti­ons­asym­metrie zwischen Berater und Kunde immer weiter ausge­glichen. Heute lädt sich der Unter­nehmer von damals wahrscheinlich Geschäfts­be­richte einfach selbst herunter und sieht Aktien­kurse über die verschie­denen Finanz­portale ein. Mit den Direkt­banken hat er nun außerdem direkten Zugriff auf den Handel.

In Sachen Preis­po­litik konnten die Finanz­in­stitute bislang dennoch gut am alten Modell festhalten. Warum? Weil unser Beispiel-Unter­nehmer zwar Zugriff auf all diese Infor­ma­tionen hat, doch das Zeitproblem bleibt. Hat der Maschi­nenbau-Unter­nehmer wirklich ausrei­chend Zeit, neben dem Unter­nehmen noch Geschäfts­be­richte zu lesen, zu vergleichen und in einen Zusam­menhang zuein­ander zu bringen? Erfah­rungs­gemäß eher nicht. Und genau darum erfordert ein struk­tu­riertes Verständnis der frei erhält­lichen Zahlen immer noch einen Berater. Also einen Menschen, der den Markt jeden Tag genau beobachtet und seine Struk­turen in- und auswendig kennt. Einen Experten, der dank seiner Erfahrung mit einem Blick auf die Unter­lagen sehen kann, welche Kennzahlen wirklich aussa­ge­kräftig sind und welche eher nur der Vermarktung dienen.

Als Berater wurde man dadurch quasi der ausge­la­gerte Analy­se­ap­parat des Unter­nehmers. Mit dem Preis für die Beratung kaufte der Unter­nehmer nicht mehr primär den exklu­siven Zugang zu Märkten und Infor­ma­tionen, sondern die Expertise und die Arbeitszeit des Beraters zur Einordnung und Struk­tu­rierung dieser Infor­ma­tionen. Also das, was ich als Verar­bei­tungs­asym­metrie bezeichne und was wiederum als Argument für die Preis­ge­staltung der Banken genutzt werden konnte.

Künst­liche Intel­ligenz lässt die Asymme­trien weiter verblassen

Mit genera­tiver KI fällt nun nach der Infor­ma­ti­ons­asym­metrie auch die Verar­bei­tungs­asym­metrie als Argument für die Preis­ge­staltung weg. Das habe ich vor einiger Zeit in einer Diskussion mit einem KI-Program­mierer voraus­ahnen können. Es ging damals um einen Musterfall aus einem meiner Workshops mit einer bewusst ungewöhn­lichen Konstel­lation. Ein Unter­nehmer hatte in Texas eine Pferde­ranch gekauft und wollte wissen, wie sie in eine künftige liech­ten­stei­nische Stiftung integriert werden könnte.

Ich war der Meinung, dass dieser Vorgang so viel Spezia­lis­ten­wissen erfor­derte, dass eine KI auf absehbare Zeit keine brauch­baren Struk­turen dazu liefern könne. Doch der KI-Program­mierer machte mir klar, dass auch dieser ungewöhnlich erschei­nende Vorgang auf Basis von klar definierten Abläufen, Gesetzen und Mustern funktio­niert. Und überall dort, wo es klare, logische Vorgaben und Mecha­nismen gibt, kann die KI brillieren. In einem Test mit einem entspre­chenden Spezia­listen als prüfende Instanz stellte sich dann schnell heraus, dass diese Vorhersage stimmte. Auf den ersten Blick war die von der KI erarbeitete Struktur für diesen Beispielfall erstaunlich sauber, da stimmte sogar der neben mir sitzende Experte zu.

Das heißt nicht, dass Sie als Berater überflüssig würden. Doch wir müssen uns klarmachen, dass der Unter­nehmer heutzutage für bestimmte Aufgaben eine eigene KI hat – genau wie Sie! Wo Sie es als Finanz­be­rater vor über 30 Jahren noch mit Unter­neh­mer­kunden zu tun hatten, die weder die Infor­ma­tionen noch die Erfahrung mitbrachten, selbst­ständig an der Börse mitzu­spielen, bringen Ihre Kunden heute deutlich spürbar immer häufiger schon eine ausge­ar­beitete KI-Empfehlung zum Beratungs­termin mit.

Der Unter­nehmer wird Ihre Vorschläge außerdem nach dem Termin sehr wahrscheinlich mit seiner KI disku­tieren. Ich rechne sogar damit, dass in Zukunft Unter­neh­mer­kunden ganz selbst­ver­ständlich um Ihr Einver­ständnis bitten werden, das Gespräch ihrer­seits von Anfang an aufzu­zeichnen und transkri­bieren zu lassen. Wie es übrigens immer mehr Institute auch schon machen: Gespräche mit Unter­nehmern aufzeichnen und anschließend mit KI bearbeiten, aufbe­reiten und überar­beiten lassen.

Was kann die Beratung also heute noch leisten?

Wenn Sie sich all das angeschaut haben und jetzt daran zweifeln, ob Ihre Unter­neh­mer­kunden Sie überhaupt noch brauchen, dann keine Panik: Der Mehrwert, den der Unter­nehmer aus Ihrer Beratung zieht, ist immer noch vorhanden, er verschiebt sich lediglich. Denn die reinen Infor­ma­tionen kann er sich heute ebenso selbst beschaffen wie deren Struk­tu­rierung und Aufbe­reitung. Doch den entschei­denden Unter­schied macht für ihn die Frage, wer aus denselben Infor­ma­tionen die besseren Empfeh­lungen ableitet, die Konse­quenzen sauberer abwägt und dafür geradesteht.

Die Infor­ma­tions- und Verar­bei­tungs­asym­metrie ist also mit der Zeit wegge­fallen. Doch eine Urteils­asym­metrie besteht weiterhin. Denn in der Regel haben weder der Unter­nehmer noch seine generative KI die Erfahrung, auf Basis dieser Infor­ma­tionen die Aktien­märkte profes­sionell einordnen zu können. Denn auch in einer Zeit, in der Algorithmen massiv auf die Märkte einwirken, basieren viele Markt­be­we­gungen noch immer auf mensch­lichem Input. Und sei es nur, weil ein bedeu­tender Politiker mal wieder eine Social-Media-Ankün­digung mit Markt­aus­wirkung macht. Und derar­tigen mensch­lichen Input (sowie die Reaktion darauf) kann der Mensch immer noch am besten vorausahnen.

Das wirklich Neue an dieser Situation ist, dass die Urteils­asym­metrie nicht automa­tisch aus Ihrem Finanz­in­stitut entspringt, wie es die anderen beiden Asymme­trien taten. Sie entspringt aus Ihnen als Berater. Aus Ihrer Erfahrung, Ihrem Wissens­schatz, Ihrem Netzwerk und Ihrer Intuition.

Wird ein Unter­neh­mer­kunde wie der Maschi­nen­bauer von vor 30 Jahren heute bereit sein, dafür den entspre­chenden Preis zu zahlen? Ja! Aber das Preis­modell muss unter diesen Gegeben­heiten dennoch grund­sätzlich anders angegangen werden. Denn das, was Sie heute aus Sicht des Unter­nehmers leisten sollen, ist eben auch grund­ver­schieden zu Ihren Leistungen in den vergan­genen 30 Jahren.

Wie ein solches Preis­modell für die verän­derten Voraus­set­zungen der Zukunft aussehen könnte, zeige ich Ihnen kommenden Dienstag im zweiten Teil dieser Artikel­serie. Bis dahin empfehle ich: Überdenken Sie Ihre Rolle als Berater schon einmal anhand dieser Erkennt­nisse! Sie werden feststellen, dass Sie durchaus noch gebraucht werden. Nur eben anders als bislang.

Kontakt

Dirk Wiebusch
info@ifuf.de

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